Die Budapest-Verschwendung
Von Mike Rinder erschienen am 9. September 2013 auf dessen Blog
Die Story der Budapest Idealen Org
Ein paar Hintergrund-Infos: Scientology wurde 1991 als Kirche (und Religion) in Ungarn registriert. Damals musste eine religiöse Gemeinschaft 100 Mitglieder und ein offizielles Glaubensbekenntnis vorweisen, um als Kirche anerkannt zu werden. Da die ungarische Scientology-Bewegung beides hatte, wurde sie als anerkannte Religion eingetragen.
Anmerkung: Ich habe alle von der Kirche verschickten Newsletter und E-Mails gespeichert, um eine Chronik zu erstellen. Alle die das Ideale Org-Projekt betreffenden Datumsangaben und Zahlen stammen aus offiziellen Kirchenveröffentlichungen (Ausnahmen sind angegeben). Diese stellen die Hauptgrundlage dieses Berichts dar.
Der Anfang
Noch bevor die ganze Ideale-Org-Kampagne begann, versuchte die Finanzabteilung der Budapest-Org eine Lösung zu finden, um ein Gebäude für die Org zu kaufen. Ursprünglich hatte man angedacht, etwa 20% des Kaufpreises für das anvisierte Gebäude zu sammeln (Budapest, XIII, Váci Str. 17, es ist seither abgerissen worden und besteht nur noch als leerer Bauplatz) und für den Restbetrag ein Darlehen aus den Sea-Org-Reserven zu bekommen. Spendenaktionen begannen 2001, mit anfänglichem Erfolg.
Vaci Str. 17, damals…
Die örtliche Sea-Org-Managementeinheit, OTL Hungary genannt, stieg 2003 ein. Etwa $500.000 wurden gesammelt und der Leiter der Sea-Org-Reserven war gewillt, den Antrag zu erwägen.
Die Ideale-Org-Kampagne
Dann fand 2005 das berüchtigte OT-Botschafter-Briefing statt und alles änderte sich. Man sagte uns, wir müssten 100% des Geldes sammeln und eine Ideale Org bauen.
Zu meiner Verwunderung mussten wir „Wog“-Autoren als Hatting studieren. Die mit den Spendenaktionen beauftragten Mitarbeiter mussten ein Buch von Jerold Panas mit dem Titel „Asking“ (Fordern) lesen, die Bücher von Les Dane und das Buch von Sergio Zyman, Das Ende des Marketings, wie wir es kennen.
Extremer Druck wurde ausgeübt, um Spenden vom Feld (der Gemeinde) zu bekommen und zwar JETZT, JETZT, JETZT. Sea-Org-Mitgliedern wurde befohlen, mitten in der Nacht in die Häuser von wohlhabenden Gemeindemitgliedern einzufallen, um „in ihre Komfortzone einzudringen“ (wie Walter Kotric es nannte).
Ein neues Gebäude wurde ausgewählt (Budapest VIII, Puskin Straße 4), Kaufpreis $3,25 Millionen. Es ist ein schönes Gebäude, gelegen in einer kleinen Gasse nahe einem der Hauotverkehrsknotenpunkte in Budapest.
Das anvisierte Gebäude auf Puskin Str.:
Unter Hochdruck-Spendensammeln erreichte man endlich das Ziel (nicht ohne dabei die halbe Gemeinde endgültig zu entfremden) – die für den Kauf benötigte Gesamtsumme kam am 26. August 2005 zusammen.
Das Gebäude wurde knapp einen Monat später gekauft (17. September 2005).
Renovierungen (?)
Einen weiteren Monat später folgte das Renovierungsbudget. Die Gesamtsumme belief sich auf $1,8 Millionen und wurde überraschenderweise vorgestern benötigt.
Im Dezember 2005 wurde der Endbetrag auf $2 Millionen nach oben korrigiert.
Die nächste offizielle Verlautbarung ist vom 8. März 2006, worin das Datum für die große Eröffnung verkündet wurde: 26. September 2006. Das Renovierungsbudget lag nun bei $2,2 Millionen, angeblich waren $1,4 Millionen bereits gesammelt worden. Der Gemeinde wurde dieses Ziel vorgegeben: Sammelt die restlichen $800,000 in einer Woche (Die LRH-Geburtstagsmasche wird nie alt).
Es dauerte etwas länger, aber zum Event am 9. Mai gaben sie bekannt, dass sie die $2,2 Millionen hatten. Doch gab es da ein kleines Problem. Weitere $1,5 Millionen wurden für Möbel, E-Meter usw. benötigt.
Bis zum 23. August hatten sie $400,000 dafür zusammen.
Fünf Tage später wurde eine dramatische Erklärung abgegeben: Sie hatten die $2,2 Mio. + $1,5 Mio. für Renovierungen. Das Geld war gesammelt.
Doch…
Es gab da noch eine Sache: Die Raumplanung.
Sie sagten, das Int Landlord Office (Büro des Internationalen Grundbesitzers) würde schon daran arbeiten und die Org sollte Ordnung in ihr CF bringen, während die Pläne abgeschlossen würden. (CF: Zentralakten – sie enthalten alle schriftlichen und fernmündlichen Kommunikation aller örtlichen Mitglieder und Interessierten – wie auch deren Brückenfortschritt, abgelegt in einer Akte pro Person)
Die Zentralakten
Also, der enthusiastische Aufruf ging an das ganze Feld – es gab 60.000 Akten, die geordnet werden wollten (52.000 Buchkäufer und 8.000 Leute, die Training und/oder Auditing erhalten hatten). „Wenn genug Leute mitmachen, reichen uns ein paar Tage.“ – So die E-Mail.
Zwei Monate später… (kein Witz) am 18. Oktober 2006 – Ein Newsletter wird verschickt mit der Info, den Backlog (Rückstand) habe man aufgearbeitet, nun ginge es in die zweite Phase, wobei der Inhalt sämtlicher Akten chronologisch sortiert werden müsste.
Ein Jahr später (wirklich, ein Jahr später): Internen Quellen zufolge war die Raumplanung abgeschlossen, doch hatte David (Miscavige) keine Zeit gefunden, sie freizugeben, somit lag sie in seinem Büro rum. Irgendwie schaffte die Org es auch nicht, ihre Zentralakten zu ordnen.
Am 10. Dezember 2007 erhielten sie eine Anordnung, die gesamte Sortierung bis Ende des Jahres abzuschließen, begleitet von den üblichen Drohungen (kein Scheitern oder ansonsten schläft keiner bis …, usw.).
Die nächste offizielle Kommunikation ist vom 27. Januar 2008 datiert. Ein neues Ziel wurde gesetzt, um die verdammte Zentralakte auf die Reihe zu bekommen: 13. März 2008 (welch eine Überraschung). Die großartigen Experten der „Einschätzung der benötigten Anstrengung“ im OT Komitee schätzten, dass weitere 40.000 Arbeitsstunden vonnöten wären, um das zu schaffen – zusätzlich zu den 23.000 bisher auf dem Projekt geleisteten Arbeitsstunden. Dies bedeutet 1 Stunde pro Akte, was nach ziemlich viel klingt, aber die OTs wissen es offenbar besser, nicht wahr?
Der nächste Newsletter ist vom 12. Februar 2008. Ein neues Datum wird angegeben: Es müssen noch 1 Million Seiten für das Projekt gedruckt werden. Das heißt, 16 Seiten je Akte. Ein weiteres mysteriöses Stück Information.
Und interessanterweise wurde das Zentralaktenprojekt bis zum 13. März 2008 abgeschlossen.
Die Pläne sind fertig!
Newsletter vom 9. April 2008: Großartige Neuigkeiten! Dave hat es endlich geschafft, die Pläne freizugeben und die 3D-Darstellungen sind abgeschlossen und freigegeben! (Sie benötigten dazu nur 1 Jahr und 8 Monate.) Nun müssen die örtlichen Behörden ihnen noch zustimmen. Also reichten sie die Pläne bei der örtlichen und nationalen Behörden ein.
Hier einige der Darstellungen:
[Anm. MR: Ich erinnere mich an eine der „visuellen Führungen“ dieser „Idealen Org“ bei einem von Miscaviges Reichsparteitagen.]
Unterdessen greifen die SPs an!
14. März 2009 – Die Ungarische Denkmalschutzbehörde hat das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt (von historischer Bedeutung), was die Zustimmung zu jeglicher Renovierung deutlich erschwert…
Nun, was machen wir jetzt, da die Renovierungen sich offenbar in der Warteschleife befinden?
Zentralaktenprojekt Teil II
Du hast es erraten! Am 13. Juni 2009 wurde ein Newsletter an die gesamte Gemeinde verschickt, in dem mitgeteilt wird, dass „neue Standards“ umgesetzt werden müssen und es gäbe einen Ablage-Rückstand, bitte reinkommen und mithelfen!
Ein paar Monate später…
9. September 2009: das Projekt ist ABGESCHLOSSEN! Mal wieder.
Die Pläne sind immer noch in der Warteschleife
Die Kirche in Ungarn versuchte, eine behördliche Zustimmung der großartigen Pläne zu erreichen.
Laut der Webseite der Ungarischen Architektenkammer hatte die Kirche am 1. Dezember 2009 die vollständige Raumplanung eingereicht, sowie eine korrigierte Fassung am 22. Dezember 2009. (Bedenke, die Pläne wurden am 9. April 2008 von Dave freigegeben).
2010 – Beinahe-Rebellion des OT-Komitees
Also, im Grunde hat die Kirche lediglich eine abgewiesene Raumplanung erreicht.
Man stelle sich den Ausdruck auf den Gesichtern der OTC-Mitglieder vor, als sie vom Int. Landlord Office eine Rechnung für dessen Leistungen erhielten, satte $520.000 für Raumplanung und Darstellungen. Zuerst wollten sie keinen Cent bezahlen und BEANSTANDETEN DIE ANORDNUNG schriftlich. Die Antwort kam in Form von Monika Aslanis, CMO-EU-Mitarbeiterin mit der Position „EU Landlord“, die eine Besprechung einberief. Sie setzte PR ein (das Geld würde für die internationale Expansion benötigt, etc.), doch fielen die erfahrenen Geschäftsleute (einige der OTC-Mitglieder waren Unternehmensinhaber oder Geschäftsführer) nicht wirklich darauf rein und begannen, über den Rechnungsbetrag zu verhandeln (!). Sie brachten es schließlich auf $450.000 herunter und Monika Aslanis stellte höchstpersönlich sicher, dass die Überweisung veranlasst wurde.
Das war allerdings nicht die einzige unangenehme Überraschung. Die Mitglieder entdeckten, dass die Vorsitzende des OT Komitees Provisionsanträge für etwa $3 Millionen eingereicht und ihre Provisionen in Höhe von $300.000 umgehend an die örtliche Sea-Org-Einheit, OTL (Operations & Transport Liason) Ungarn, „gespendet“ hatte, was von heute auf morgen an deren Konto überwiesen wurde.
Dann folgte eine dritte Überraschung: Sie war nicht die einzige, die Provisionen erhielt – anscheinend wurden Provisionen i.H.v. über $200.000 an Gemeindemitglieder ausbezahlt. Das OT Komitee verlangte von der Org die Offenlegung ihrer Bücher (Einnahmen und Ausgaben). Doch… sie konnten keine offenlegen, da es keine Aufzeichnungen gab. Den Org-Führungskräften zufolge gab es keine zentrale Buchführung, also konnten sie nur über den gegenwärtigen Kontostand und den Status der größeren Spender Auskunft geben.
Das Budget wird erhöht
Eine weitere Bombe platzte: Nachdem die Raumplanung abgelehnt worden war, erstellte man neue Pläne, um sämtliche Anforderungen zu erfüllen. Besagte Pläne würden weitere $6 Millionen verschlingen (laut dem von der Church of Scientology International beauftragten Projektleitungsunternehmen).
Die neue Rechnung enthielt auch $3 Millionen, nur für Möbel und Ausstattung. Einige der Posten: Nur Computer eines bestimmten Models von Dell durften gekauft werden. Der Schreibtisch für das LRH-Büro musste aus einem Geschäft aus Los Angeles stammen, Kostenpunkt $7.000, usw.
Das OT Komitee hinterfragte dies schriftlich. Die einzige Antwort, die sie bekamen: „SAMMELT DAS GELD.“
Das kann doch nicht wahr sein!
Die letzte (und endgültige) Einreichung erfolgte am 10. Mai 2012, die Ungarische Denkmalschutzbehörde gab ein ziemlich vernichtendes Urteil über die endgültigen Pläne ab und empfahl sie nicht (sie waren somit praktisch vom Tisch).
Einige der Highlights:
„Das Gebäude hat großartige Innenräume, doch würden diese unnötig durch Büros und Vortragsräume aufgeteilt werden.“
„Es ist nicht hinnehmbar, eine Reihe fensterloser Räume und Büros zu entwerfen, ohne die zusätzlich notwendigen Toiletten zu berücksichtigen. Die Toiletten sind schlecht geplant, unzureichender Platz wurde für sie vorgesehen und sie wären in ihrer gegenwärtigen Form untauglich.“
„Um die angedachte Tiefgarage zu bauen, müssten sämtliche sich auf dem Grundstück befindlichen Bäume gefällt werden, was nicht akzeptabel ist. Die Einfahrt wirkt aufgesetzt und schwerlich akzeptabel, die Auffahrt ist von der engen Straße kaum zugänglich. Vier Parkplätze am anderen Ende der Garage sind schlicht nicht zugänglich und somit untauglich.“
„Ein weiteren Flügel anzubauen … erhält nicht die Erhabenheit des Gebäudes und passt nicht zur ursprünglichen Bauweise des Hauptgebäudes. … Die zu klein geratenen Toiletten und fensterlosen Büros sind ein wiederkehrendes Problem.“
Suche nach einer neuen Lösung
Die Spendenaktionen liefen noch, doch es war offensichtlich, dass es keine Möglichkeit gab, sechs Millionen aus der mittlerweile ausgelaugten Gemeinde herauszuholen. Nach 2 Jahren andauernden Spendenaktionen erzwang die endgültige Ablehnung der Pläne einen Kompromiss: Die Kirche gab das Puskin 4-Gebäude auf und begann die Suche nach einem neuen Gebäude, das sie mit den vorhandenen Mitteln erstehen konnte.
2013 – Das neue(ste) Gebäude
Und sie fanden es! Es wurde im August gekauft und dieses moderne Bürogebäude wird die neue Ideale Org Budapest sein, es liegt in der Váci Str. 169, Budapest.
Nun sind aber noch einige Mieter in dem Gebäude und unseren Quellen zufolge weigert sich mindestens einer (das regionale Büro von Hewlett Packard) auszuziehen.
Das einzige andere Problem ist das Puskin 4-Gebäude. Es kann nur mit erheblichem Verlust verkauft werden und verschlingt bis dahin hohe Summen für die Instandhaltung und öffentlichen Abgaben.
[Anm. MR: Wenigstens wird „COB“ eine ganz neue „visuelle Führung“ durch computergenerierte Bilder der „neuesten“ Idealen Org machen können. Es kann in die „Schandeshalle“ der unzähligen weiteren „Idealen Orgs“ aufgenommen werden, die als computergeneriete Bilder gezeigt, aber nie verwirklicht wurden, zusammen mit Miscaviges persönlichem Favoriten der imaginären Idealen Org – Haarlem.]