Schritte in die richtige Richtung

Wie der Schriftsteller sein eigenes Leben und seinen Wissensdurst in Geschichten umwandeln kann

Ein Interview mit L. Ron Hubbard
von R. Walton Willems

Writers Markets and Methods - Titelseite-2L. Ron Hubbard grinste, als ich ihn nach ein paar Geheimnissen seines schriftstellerischen Erfolges fragte.

„Ich fürchte, es gibt keine Geheimnisse.“ Er winkte ab, wie um zu sagen, dass alles offen sei und insgesamt nicht zu schwierig. „Ich glaube, der Schriftsteller muss dem Leben etwas schuldig sein; seine Handlungen müssen aus seiner eigenen Neugierde heraus entstehen und das Wichtigste beim Schreiben einer Geschichte ist, dass man die Geschichte schreibt.“

Der letzte Punkt schien mir der einfachste zu sein, um zu beginnen, deshalb fragte ich Herrn Hubbard, ob der Ratschlag wirklich so offenkundig sei, wie er sich anhörte.

Das Eisen schmieden, solange es noch heiß ist

„Beinahe“, gab er zu, „obwohl ich glaube, dass ich es mit mehr Durchschlagskraft meine, als es normalerweise der Fall ist. Wenn Sie eine Geschichte schreiben wollen – Schreiben Sie sie! Je mehr Zeit man mit der Planung verbringt und darüber nachzudenken, desto länger wird es wahrscheinlich dauern, bis die Geschichte geschrieben wird. Trotzdem sagen sich viele Schriftsteller, dass der endgültige Entwurf schneller da sein wird, wenn sie sich zuerst Zeit zum Nachdenken nehmen. Die Zeit, die man sich zum Nachdenken nimmt, verzögert das Ganze nur allzu oft. Je schneller der erste Entwurf für die Geschichte fertig ist, desto besser. Dann kann immer noch, wenn nötig, geplant werden – jetzt kann man mit etwas Konkretem arbeiten, etwas das Hand und Fuß hat und zum endgültigen Entwurf führt. Schreiben Sie, solange die Idee noch frisch ist, solange der Wunsch, die Geschichte zu schreiben, noch vorhanden ist, das hilft beim Schreiben. Danach kann die Planung immer noch stattfinden und die Planung geschieht dann ohne Verzögerung.“

Ich fragte Herrn Hubbard, ob das nicht dazu führte, dass der Schriftsteller auf lange Sicht mehr Arbeit in die Änderungen steckt, als nötig wäre, als wenn die Geschichte von vorn herein sorgfältig geplant worden wäre.

Mit einem einzigen Entwurf arbeiten

„Anfangs könnte dies der Fall sein. Obwohl ich glaube, dass hierbei die Extraarbeit – falls es denn eine gäbe – gering wäre im Vergleich zu dem Vorteil, die Geschichte erst mal angefangen zu haben. Später jedoch, wenn er schon viel geschrieben hat, wird der Schriftsteller feststellen, dass sich die Geschichte schon von selbst plant, wenn der erste Entwurf geschrieben wird. Das tatsächliche Niederschreiben des ersten Entwurfs wird von einem Autor gemacht, der es sich zur Gewohnheit gemacht hat zu denken, während er schreibt. Mit der Zeit wird er feststellen, dass der erste Entwurf sogar dem näher ist, was die endgültige Fassung sein sollte. Am Ende sollte er in der Lage sein, den ersten und endgültigen Entwurf zu schreiben, was auch der Handlungs-Entwurf der Geschichte ist, alles in einem.“

„Das wäre wohl das Ideale …“ Dann erinnerte ich mich an etwas, das ich über L. Ron Hubbard gehört hatte: Wie Magazin-Herausgeber manchmal Boten mit einem Titelbild einer in Kürze erscheinenden Ausgabe zu ihm schickten. Der Bote wartete, während Hubbard auf das Bild schaute, dann eine passende Geschichte zur Illustration schrieb und danach kehrte der Bote mit dem Bild und der druckfertigen Geschichte zurück zum Herausgeber. Ich frage Hubbard diesbezüglich. Er tat dies als keinen echten Teil des eigentlichen Schreibgeschäftes mit einem Achselzucken ab.

„Allerdings begegnet man solchen Situationen und der Schriftsteller sollte darauf vorbereitet sein. Sie stellen natürlich eine Herausforderung dar und der Schriftsteller hat hier eine Gelegenheit mit einer Geschichte aufzuwarten, die dem Leser das Gefühl gibt, dass der Künstler, bevor er die Illustration machte, die gleiche Geschichte wie der Leser wenigstens einmal gelesen hat. Die Arbeit in dieser Kategorie ist jedoch unbedeutend, obwohl es der Zukunft des Schriftstellers immer hilft, wenn er in der Lage ist, einem Herausgeber aus der Klemme zu helfen. Eines Tages könnte sich die Situation umkehren.

Die Geschichte schmieden

„Ich glaube, die besten Ideen und Handlungen für die Geschichten eines Schriftstellers sind jene, welche sich als Ergebnis seiner eigenen Neugier an etwas, das seine Phantasie anregt, sich in seinem eigenen Geist entwickelt haben.

„Eine gute Methode ist meiner Meinung nach, wenn sich der Schriftsteller eine unmögliche Situation vorstellt und von da an weiterarbeitet. Die endgültige Handlung der Geschichte muss nicht unbedingt einen Bezug zu der Situation haben, von der er ausgegangen ist, und alle Charaktere und Ideen der ursprünglichen Situation könnten in der endgültigen Fassung der Geschichte ganz wegfallen. Aber das Geschehnis hat seinen Zweck erfüllt und den Verstand dazu gebracht, in Form einer Geschichte zu denken und Fragen zu stellen, die zu einer Geschichte führen.“

„Zum Beispiel?“, fragte ich.

Herr Hubbard lächelte und stellte eine Gegenfrage. „Welche Art von Geschichte?“

„Eine Liebesgeschichte“, sagte ich. „Mit einem Flugzeug.“

„Flugzeug. Pilot. Etwas Ungewöhnliches: Goldfisch. Ein Pilot, der immer ein Goldfischglas in seinem Flugzeug mit sich nimmt. Fragen Sie sich selbst, was hat das mit dem Mädchen zu tun, was das für ihn bedeutet. Wie steht es um die Beziehung zu diesem Mädchen, wie sieht die Zukunft aus. Was ist passiert. Was wird passieren … Die Geschichte hat ihren Anfang genommen – der Goldfisch könnte in der Geschichte bleiben, aber für gewöhnlich würde er etwa jetzt herausfallen, etwas Plausibleres wird hinzugefügt. Die ungewöhnliche Situation, von der man ausgegangen ist, sollte grundsätzlich nur als Sprungbrett angesehen werden. Versuchen Sie nicht, daran festzuhalten, nachdem die Geschichte einmal angefangen hat, sich selbst zu erzählen.“

Ich fragte, warum etwas Ungewöhnliches benutzt wird.

Neugierde und die Geschichte

„Einfach nur um das Interesse des Schriftstellers zu wecken, sich selbst Fragen zu stellen, sich in die Geschichte hineinzudenken. In der eigentlichen Einleitung der Geschichte wird der Schriftsteller versuchen, den Leser neugierig zu machen, ihn dazu bringen, die Geschichte lesen zu wollen. Derselbe Gedanke gilt für den Schriftsteller – er muss sich selbst dieser Geschichte verschreiben, sonst wird es nie eine Geschichte geben. Wenn es in der fertigen Geschichtsidee einen Platz für die ungewöhnliche Situation gibt, die den Schriftsteller zum Denken anregte, dann lassen Sie sie drin, um sie zu benutzen, den Leser zu fesseln. Aber versuchen Sie nicht, sie hineinzuzwängen, wo sie nicht mehr hingehört. Falls die Geschichte in ihrem Verlauf über den kreative Ausgangspunkt hinauswächst, dann lassen Sie es zu.“

„Das sind zwei Ihrer Nichtgeheimnisse, Herr Hubbard. Was hat es mit dem Gedanken auf sich, dem Leben etwas schuldig zu sein?“

Ausgeliehener Reichtum

„Das bedeutet leben und lernen. Es bedeutet, alles zu tun, was einem möglich ist, alles zu studieren, was einem möglich ist, alles zu lernen, was einem möglich ist. Es bedeutet – vom Vorrat der Welt sich Ideen und Wissen und Erfahrung auszuleihen. Verstehen Sie es als Schuld an die Leute um Sie herum – eine Schuld, die der Schriftsteller mit seinem Schreiben zurückzahlen muss. Es ist keine Schuld, die schwer zurückzuzahlen ist, denn die Rückzahlung wird durch das Ausleihen leicht gemacht – je mehr ausgeliehen wurde, desto leichter kann die Rückzahlung geleistet werden. Der Schriftsteller, der viel von der Welt bezogen hat, wird feststellen, dass sein Geist voller Material ist, das für die Rückzahlungen benutzt werden kann. Je mehr sich der Schriftsteller in Schulden stürzt, desto mehr wird er haben, womit er zurückzahlen kann.“

Drei Schritte

Ich bat Herrn Hubbard, die Punkte zusammenzufassen, die er in unserem Gespräch angeschnitten hatte. Er zählte sie an seinen Fingern auf.

„Der Schriftsteller sollte seine eigenen Erfahrungen für seine Geschichten mitbringen, Erfahrungen, die sich aus seinem eigenen Leben und Lernen zusammensetzen. Ideen zu Geschichten sollten aus einem Reiz seiner eigenen Neugierde entstehen. Er sollte die Geschichte schreiben, solange die Idee in seinem Geist noch frisch ist.“

„Ist das alles dazu?“

Hubbard grinste bedächtig. „Nun, das sind zumindest drei Schritte in die richtige Richtung.“

Aus: Writers‘ Markets & Methods, Januar 1949

Dank dem fleißigen Übersetzer.

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Über Felicitas Foster

Independent Scientologist - Cosmopolitan, Blog: Der Treffpunkt
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Eine Antwort zu Schritte in die richtige Richtung

  1. SKM schreibt:

    Danke für die Übersetzung.
    Dieses Interview war mir völlig unbekannt.

    Interessant auch seine Theorie mit dem Ausleihen und Zurückzahlen in diesem Zusammenhang.

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