Scientologys Meisterspione – Teil 4

Letzter Teil

Paul Marrick

Paul Marrick

7.

Im Jahr 2008 brach für Scientology die Hölle los. Im Januar tauchte ein Video von Tom Cruise im Internet auf, indem er über seine Religion spricht, und als die Kirche versuchte das zu unterdrücken, schlug das Internet zurück – in Form von Masken-tragenden Demonstranten, die sich Anonymous nannten. Später im Jahr, nachdem es zuvor Berichte über seinen Tod gegeben hatte, begann Marty Rathbun aus seinem langen Winterschlaf wieder aufzutauchen.

„Wir begannen eine Menge Internet-Geplapper zu sehen, über das Bilden einer Vereinigung, um sich Miscavige entgegenzustellen“, sagt Marrick. „Wir dachten, Marty, [ehemaliger Sprecher der Kirche] Mike Rinder, und Pat Broeker könnten dem möglicherweise beitreten. Wir sagten OSA, dass zumindest Marty und Mike sich verbünden würden. Oh nein, sagten sie.“

Dann, im Jahr 2009, begann Rathbun seinen Blog, und Rathbun und einige andere Führungskräfte erschienen in einer großen Serie der St. Petersburg Times (heute Tampa Bay Times) und auch Rinder begann allmählich, seine Stimme zu erheben und verbündete sich mit Rathbun, genau wovor Marrick und Arnold gewarnt hatten.

Die beiden Ermittler wurden angewiesen, alle drei im Auge zu behalten – Rathbun, Rinder und, wie immer, Broeker.

Im Jahr 2009 reisten sie nach Süd-Texas, um eine umfassende Studie der Rathbun Nachbarschaft in Ingleside on the Bay, in der Nähe von Corpus Christi, zu machen. Sie rasterten das Gebiet nach dem besten Wegab, um Rathbun rund um die Uhr zu überwachen. Marrick sagt, es mussten besondere Vorkehrungen getroffen werden.

„Es ist Marty. Man kann nicht einfach ein Auto vor seinem Haus parken“, sagt er.

Nach dem Einreichen ihres Plans, wurde ihnen gesagt, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Das Beobachten von Rathbun würde jemand anderem zufallen.

In der St. Petersburg Times Serie von 2009 enthüllte Rathbun zum ersten Mal die Existenz der Broeker Operation. Er nannte jedoch Marrick und Arnold nicht als Ermittler, die diese ausführten.

Marrick und Arnold sagen, auch wenn ihre Tarnung nicht vollständig aufgeflogen war, begann die Kirche sie anders zu behandeln, nachdem diese Geschichte aufgetaucht war.

„Die Dinge wurden zurückgeschraubt“, sagt Arnold. Und Hamel sagte ihnen, dass, wenn die Kirche eine Aussage darüber machen müsste, Miscavige Rathbun beschuldigen würde die Operation ins Leben gerufen zu haben.

„Was ist mit den letzten 15 Jahren?“ antwortete er ihr, sagt Marrick, um darauf hinzuweisen, dass Rathbun die Operation seit 1993 nicht mehr gelaufen hatte.

„Dann begann das Geld unregelmäßig zu werden“, fügt Marrick hinzu. „Unsere Auffassung war, dass Miscavige alles verschwinden lassen wollte.“

Dann, im Jahr 2011, wurde es wirklich seltsam. Im April des Jahres erschienen mehrere Männer mit Kameras in den Händen oder um ihre Stirn geschnallt vor Rathbuns Haus, und forderten ihn auf mit ihnen über die Beratung zu sprechen, die er „unabhängigen Scientologen“ gab – ehemaligen Mitgliedern der Kirche, die Miscaviges Führung abgelehnt haben, aber noch immer an den Ideen von Hubbard festhalten.

Sich selbst „Squirrel Busters“ [Eichhörnchen Knacker] nennend, pflanzte sich die Gruppe in Rathbuns Sackgasse ein und folgte ihm die nächsten fünf Monate durch die Stadt. (In Scientology ist ein „Eichhörnchen“ ein Ketzer, der Hubbards „Technologie“ in unbefugter Weise verwendet, und das ist ungefähr das Schlimmste, was man einen Scientologen nennen kann.)

Marrick und Arnold sagen, dass ihr Überwachungs-Plan von der Kirche verwendet worden sei, um einen Affenzirkus zu erschaffen. „Es waren drei Handlanger auf LSD“, sagt Arnold.

„Man braucht nicht viel Raffinesse, um jemanden nur zu belästigen“, fügt Marrick hinzu.

Das Einschüchterungsaufgebot sagte den Anwohnern, dass sie eine Dokumentarfilm- Crew seien, die einen Film über Rathbun drehe, aber ein lokaler Reporter und Rathbun entdeckten gemeinsam die Wahrheit – ein Mann namens Dave Lubow, der die Operation lief, versteckte sich in einem örtlichen Hotel. Wenn Marrick und Arnold Scientologys geräuschlose, geheime Beobachter waren, war Lubow der Privatdetektiv, den die Kirche für „lautstarke Untersuchungen“ und Einschüchterungsaktionen einsetzte.

Der Kamera-schleppende Schlägertrupp schaffte es an einer Stelle, Rathbun verhaften zu lassen. Und Marrick und Arnold sagen, als das passierte, Linda Hamel ihnen gegenüber einräumte, dass die „Eichhörnchen-Knacker“ eine Operation der Kirche waren. „Wir wollten nur Marty zusammenbrechen sehen“, soll sie Ihnen gesagt haben.

Die „Eichhörnchen-Knacker“ wurden im November 2011 immer schwächer. Aber Rathbun sagt, er werde immer noch beobachtet. Wenn Leute zu ihm zu Besuch kommen, um mehr über die Scientology Unabhängigkeitsbewegung zu erfahren, scheint die Kirche darüber innerhalb weniger Minuten Bescheid zu wissen – einigen Mitgliedern der Kirche wurden innerhalb von Stunden nach Verlassen von Rathbuns Haus die Exkommunikations-Papiere von kirchlichen Funktionären übergeben.

Inzwischen hinkte die Kirche mit ihren Zahlungen an Marrick und Arnold hinterher. Im Juni, schuldete sie ihnen $ 100.000, sagen sie. Und es wurde ihnen gesagt, dass keine weiteren Zahlungen mehr kommen würden.

Sie waren arbeitslos.

8.

Am 25. September fuhren Marrick und Arnold von San Antonio nach Ingleside on the Bay, um Marty Rathbun zum erstem Mal seit 1993 wieder zu treffen.

Bei der Wiedervereinigung nennt Marrick Rathbun „Boss“, und der Mann, der sie im Jahre 1988 eingestellt hatte, staunt über die Verfassung, in der sich Marrick befindet.

„Schau auch dich an“, sagt er zu Arnold. „Du siehst aus wie ein junges Kind.“

Rathbun nimmt sie mit nach oben und fragt nach ihrer Meinung über ein Haus gegenüber, welches er durch sein Wohnzimmerfenster sehen kann.

Während der letzten eineinhalb Jahre ist das Haus leer gewesen, aber Rathbun vermutet, dass es als Ausguck von Scientologys Privatermittlern benutzt wird.

Marrick entdeckt sofort etwas: In einem der oberen Fenster, das mit dem besten Blick auf Rathbuns Haus, gibt es zwei kleine Ausschnitte in der Nähe der unteren Ecke in den Jalousien. Sie würden die perfekte Größe für eine Kameralinse haben.

„Lasst uns spazieren fahren“, sagt Rathbun, als Marrick und Arnold ihm anbieten, ihm zu zeigen, wie sie 2009 geplant hatten, sein Haus zu überwachen.

Die drei drängen sich in Rathbuns großen Lieferwagen, zusammen mit einigen Mitgliedern einer britischen Dokumentarfilm-Crew und einem Reporter auf der Ladefläche.

Sobald sie die Ecke und das Haus erreichen, das sie betrachtet hatten, sehen sie wie ein Auto aus dessen Garage herausfährt. Der Fahrer entdeckt Rathbuns Lieferwagen, scheint in Panik zu geraten, fährt schnell in die Garage zurück und lässt das Tor herab.

Dennoch nicht schnell genug. Rathbun gelingt es, das Kennzeichen kurz zu notieren.

Eine schnelle Überprüfung später auf einem Computer zeigt, dass das Auto auf einen Fidel Garcia Jr. registriert ist, und dass seine Adresse auch der Standort des „FNG Security Investigations“ in Corpus Christi ist.

„Wir haben gerade das Haus geoutet“, sagt Rathbun zufrieden.

„Ich kann nicht glauben, dass er sein eigenes Auto benutzt“, sagt Arnold.

„Es ist die Stunde der Amateure“, fügt Marrick hinzu.

(Später ging Rathbun zu dem Haus zurück, schaute in die Fenstern und entdeckte ferngesteuerte Kameras, die auf sein Haus gerichtet waren. Später fragte er bei dem Hausbesitzer nach und erfuhr, dass es für die nächsten drei Jahre von einem Privatdetektiv aus Dallas angemietet worden war, von dem Rathbun und Mike Rinder beide sagen, dass die Kirche ihn seit Jahrzehnten eingesetzt hat.)

Seit er im Jahr 2009 mit dem Bloggen angefangen hat, ist Rathbun das sichtbarste Mitglied der wachsenden unabhängigen Scientology-Bewegung geworden. Er besteht darauf, dass er nicht versucht, Scientology zu übernehmen oder eine neue Kirche zu starten. Stattdessen bietet er anderen ehemaligen Mitgliedern Beratung an – „Auditing“ in der Sprache der Scientologen, die immer noch Hubbards Ideen verehren, aber nicht mehr Teil von dem sein wollen, was sie eine kontrollierende, fehlgeleitete Organisation nennen.

Dennoch war es Rathbun, der die 24-jährige Beobachtung von Pat Broeker im Jahr 1988 in Gang setzte.

„Ich bedauere das Ganze“, sagt Rathbun.

Und warum sollte Miscavige so viel Geld ausgeben – ungefähr $ 500.000 pro Jahr über mehr als zwei Jahrzehnte – um einen Mann auszuspionieren?

„Er ist in dem Moment erstarrt, in dem er die Serie von Staatsstreichen beging, die ihn auf Hubbards Thron brachten“, sagt Rathbun.

Ist Broeker, mit 64, noch solch eine Bedrohung für Miscaviges Führerschaft?

„Broeker hat ihn bis jetzt nicht wegen der Führerschaft herausgefordert. Es gibt keine rechtliche oder PR-Handhabe, die geschehen könnte. Pat Broeker wird keine Krone übergeben werden“, sagt Rathbun. Aber er glaubt, dass die derzeitigen Mitglieder der Kirche miteinander darüber reden, dass Änderungen vorgenommen werden sollten, und dass Miscavige gestürzt werden könnte.

„Pat könnte helfen, dass das passiert.“

Und was ist die Bedeutung von Marrick und Arnold, die nach so vielen Jahren aus der Dunkelheit hervortreten?

„Es geht genau mit dem Zusammenbruch von Tom Cruise im Sommer einher“, sagt er.

Greg Arnold ist jetzt 53, verheiratet, und hat einen Sohn und eine Tochter. Paul Marrick wird im November 53 und ist auch verheiratet, hat einen Sohn und eine Tochter. Die beiden Männer sind zu jung, um in Rente zu gehen, aber die Suche nach neuen Arbeitsplätzen scheint fast unmöglich.

„Kannst du dir unsere Lebensläufe vorstellen? Sie werden anrufen und die Beschäftigung überprüfen? Sie werden mit Miscavige sprechen wollen?“ sagt Marrick mit einem Lachen.

Im Laufe der Jahre haben die beiden Männer viel über die Kirche im Internet gelesen und der Zynismus über ihre Arbeit wuchs.

„Wir fingen an, jede Operation, die wir jemals durchgeführt hatten, in Frage zu stellen“, sagt Arnold.

„Alles, was uns gesagt wurde, waren Lügen“, fügt Marrick hinzu.

Aber sie glauben, dass viele gegenwärtige Mitglieder der Kirche sich in der gleichen Lage befinden.

„Wir glauben, dass Scientologen anständige Leute sind. Zu einigen Dingen wurden sie gezwungen – wie die Trennung – es sind Dinge, die ihnen auferlegt wurden“, sagt Arnold, der sich auf die Scientology-Richtlinie bezieht, die Mitglieder zwingt, alle Verbindungen zu jenen abzubrechen, die exkommuniziert worden sind, selbst wenn es die Trennung von einem Familienmitglied bedeutet.

Marrick und Arnold erfuhren über Trennung und viele andere Themen, als sie in den letzten Jahren eifrig über Scientology lasen. Dann, als sie ihren Arbeitsplatz verloren, stellten sie ihre Darstellung über ihr Leben des Spionierens für die Kirche in einem dicken Manuskript zusammen und hofften, es einem Fachmann zu geben, um es zur Veröffentlichung auszuarbeiten. Sie wussten aber, dass ihr Buch nie das Licht der Welt erblicken würde, wenn eine Einigung mit der Kirche zustande käme.

Als sie schließlich dabei waren, Rathbuns Haus zu verlassen, wurden sie gefragt, wie sie über den Mann dachten, den sie so lange beschattet hatten. Nachdem ihr Job im Juni endete, waren sie versucht, Pat Broeker zu erreichen, um sich ihm nach all dieser Zeit zu offenbaren?

Arnold sagt, sie habe darüber gesprochen, aber sie beschlossen, ihn nicht zu kontaktieren.

Und sie schätzen, dass Miscavige immer noch jemand haben muss, der seinen alten Rivalen auch heute noch beobachtet.

„David kümmert es offensichtlich, was Pat sagen würde,“ sagt Marrick. „Es ist ihm offensichtlich wichtig.“

Nach ihrem kurzen Wiedersehen mit Rathbun, kehrten Marrick und Arnold und ihre Anwälte in jener Nacht nach San Antonio zurück.

Am nächsten Nachmittag, nachdem die beiden Privatermittler Reporter der Tampa Bay Times getroffen hatten, rief ihr Anwalt Ray Jeffrey an und sagte, dass er von den Anwälten der Kirche gehört hätte, sie wären plötzlich an Verhandlungen über eine Beilegung der Klage interessiert. Jeffrey sagte, er wies Marrick und Arnold an, keine weiteren Interviews zu geben.

Nur ein bisschen mehr als einen Tag, hatten die beiden Spione über ihr Undercover-Leben gesprochen. Und nun würden sie wieder zum Schweigen zurückkehren.

Zwei Monate später, fragten wir in Ray Jeffreys Büro nach und erfuhren, dass er auf  einem einwöchigen Urlaub war, und der Fall „gelöst“ sei.

Wir schickten einen Text an Arnold und fragten nach dem Vergleich. Er schickte ein Smiley-Gesicht und die Worte: „Kein Kommentar.“

Original-Artikel

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Über Felicitas Foster

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6 Antworten zu Scientologys Meisterspione – Teil 4

  1. Burkhard schreibt:

    Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet die Bewegung mit den besten Chancen zur größten Vernunft zu einem irrationalen Haufen (CoS) verkommen würde….

  2. Rita Wagner schreibt:

    „Alles was uns gesagt wurde, waren Lügen“, fügt Marrick hinzu. Aber sie glauben, dass viele gegenwärtige Mitglieder der Kirche sich in der gleichen Lage befinden.
    Wie Recht die Beiden haben!! Hoffentlich haben sie jetzt finanziell ausgesorgt und finden einen guten unabhängigen Auditor… 🙂 🙂 🙂

  3. Worsel schreibt:

    Ich bin gespannt, was noch alles in Deutschland ans Licht kommen wird.
    In der Regel sind das die Dinge, die schwer zu glauben sind, wenn sie einem jemand erzählt. Und ein Beweis dürfte auch nicht immer leicht zu erbringen sein. Ein echter Schritt nach vorne, dass diese Dinge nun nicht mehr im Dunkel schlummern.

    • George schreibt:

      Das könnte hoch interessant werden.
      Also, die NPD wird vom Verfassungsschutz „beobachtet“. Nun musste man beim ersten Verbots Verfahren zugeben, (man halte sich fest) daß die Führungsebene der NPD voll von Mitarbeitern der Verfassungs Schützer waren. Daher der Fehlschlag des Verbots Verfahrens. Nun will man ein neues anstreben und versichert, dass nun keine Spitzel mehr in der Führungsebene mehr sind.
      Was hat das mit Scientology zu tun? Tja, Scientology wird auch vom Verfassungs Schutz „beobachtet“. Sind nun auch Spitzel in der Führungsebene? Keine Beweise. Aber wenn die Verfahrensweise der Verfassungsschützer immer „nach Vorschrift“ ist, macht es keinen Sinn zu denken, es wäre hier nicht der Fall.
      Den einzigen Beweis für solche Vorgehnsweisen habe ich hier gefunden:
      http://www.berliner-zeitung.de/archiv/verfassungsschutz-darf-keine-vertrauensleute-mehr-einsetzen—bundesweit-erstmalig-gericht-schraenkt-beobachtung-von-scientology-ein,10810590,9958820.html

      • worsel schreibt:

        Interessanter Artikel.
        Unbedingt klären sollte man das Wort „beobachten“. Die Bedeutung in diesem Umfeld unterscheidet sich stark vom Normalgebrauch. Es scheint bisweilen auch „infiltrieren“ und „zersetzen“ zu bedeuten, wenn es in dieser Branche verwendet wird.
        Ich empfehle das Buch „Im Namen des Staates“ von Andreas von Bülow. Das gibt einem viele Ansatzpunkte, um den Bereich zu verstehen. Soweit ich mich erinnere, kommt der Verfassungsschutz noch ganz gut dabei weg, im Vergleich zu den anderen.

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