Die Kameraden

Für unsere Freunde haben wir einen Auszug ausgesucht, der uns im Innersten berührt hat, durch seine schlichte Ehrlichkeit, durch seine Weisheit und Einfachheit. Er stammt von Antoine de Saint-Exupéry, einem Postflieger aus der Pionierzeit der Fliegerei, der nicht nur die Welt der Menschen aus 5 km Höhe betrachtete, sondern der auch noch wundervoll schreiben konnte. Viele kennen ihn nur als den Autor von „Der kleine Prinz“ und wir möchten euch einladen, ihn auch von dieser anderen Seite kennen zu lernen. Nehmt euch einen Augenblick, einem wunderbarem Wesen über die Schulter zu schauen, wie es ein anderes wunderbares Wesen ehrt und anerkennt.

Euch allen eine besinnliche Weihnachtszeit.

Worsel und Felicitas

Aus:
„Wind, Sand und Sterne“
von Antoine de Saint-Exupéry,
aus dem Kapitel „Die Kameraden“

… Guillaumet, jetzt muss ich einige Worte über dich sagen! Aber ich will dich nicht bedrücken, indem ich lange bei deinem Mut und bei deiner Berufstüchtigkeit verweile. Ich will etwas ganz anderes veranschaulichen, will von deinem schönsten Abenteuer erzählen.

Es gibt eine Eigenschaft, die noch keinen Namen hat. Manchmal nennt man sie „Besonnenheit“, aber das Wort ist ungenügend. Denn die Eigenschaft, wie ich sie meine, kann mit strahlender Fröhlichkeit zusammengehen. Es ist die Eigenschaft des Zimmermanns, der sich seinem Stück Holz gewissermaßen Mann gegen Mann stellt, der es betastet und abschätzt und ernst nimmt, um all seine Eignung in den Dienst des Werkes zu zwingen.

Ich bekam einmal einen Bericht deines Abenteuers zu lesen und habe mit dieser irreführenden Schilderung ein Hühnchen zu rupfen. Da sah man dich mit Gassenjungenwitzen um sich werfen, als ob Mut darin bestünde, sich im Angesicht größter Gefahren oder gar des Todes zu Schülerspäßen zu erniedrigen. Die Leute haben dich nicht gekannt, lieber Guillaumet, du hast nicht nötig, deine Gegner vor dem Kampf zu verhöhnen. Wenn du auf ein schweres Unwetter triffst, dann sagst du: „Das ist ein schweres Unwetter!“ Als solches schätzst du es ein und als solches nimmst du es hin.

Ich bringe dir hier das Zeugnis meiner Erinnerungen.

Seit fünfzig Stunden war Guillaumet überfällig. Es war Winter und er hatte seinen Flug über die Anden angetreten. Ich kam gerade aus dem hintersten Patagonien zurück und traf den Flieger Deley in Mendoza. Wir beide durchsuchten fünf Tage lang im Flugzeug das Berggewirr, ohne etwas zu finden. Unsere zwei Flugzeuge reichten nicht aus. Es kam uns so vor, als würden hundert Geschwader in hundert Jahren die gewaltige Gebirgsmasse nicht zu Ende erforschen, deren Gipfel bis in die 7000 Meter ragen. Wir gaben jede Hoffnung auf. Sogar die Schmuggler, die Räuber, die dort für fünf Franken jedes Verbrechen wagen, lehnten es ab, sich als Rettungsgruppen auf die Vorberge zu wagen: „Wir setzen da nur unser Leben aufs Spiel“, erklärten sie, „im Winter geben die Anden keinen Menschen wieder heraus.“

Als Deley und ich in Santiago landeten, rieten uns die chilenischen Offiziere ihrerseits, die Suche lieber aufzugeben: „Es ist Winter. Ihr Kamerad hat die Nacht nicht überlebt, wenn er schon den Sturz überlebt hat. Die Nacht verwandelt jeden, über den sie kommt, in Eis.“

Als ich mich aufs neue zwischen die gewaltigen Mauern und Pfeiler der Anden verlor, da meinte ich weniger, Guillaumet zu suchen, als ihm im tiefen Schweigen eines Schneedoms die Totenwache zu halten.

Schließlich am siebenten Tage, als ich zwischen zwei Überfliegungen in einer Wirtschaft in Mendoza beim Essen saß, stieß ein Mann die Türe auf und rief nur zwei Worte: „Guillaumet lebt!“

Zehn Minuten später war ich in der Luft, nachdem ich zwei Monteure, Lefèvre und Abri, an Bord genommen hatte. Nach vierzig Minuten landete ich neben einer Straße, auf der ich, Gott weiß woran, den Wagen erkannt hatte, der Guillaumet auf San Raphael zuführte. War das ein Wiedersehen! Wir weinten alle, wir erdrückten ihn fast in unseren Armen. Und er lebte, er war auferstanden, er hatte sein eigenes Wunder gewirkt. Da sprach aus ihm, in dem ersten verständlichen Satz, den er herausbrachte, ein herrlicher Männerstolz: „Ich kann dir sagen: was ich getan habe, kein Tier hätte es fertiggebracht!“

Später hat er uns alles erzählt.

Ein Sturm, der in achtundvierzig Stunden den Osthang der Anden mit fünf Meter Schnee bedeckte und die ganze Front versperrte, hatte die Amerikaner der Pan-Air zum Umkehren gebracht. Guillaumet aber flog los und suchte ein Loch im Wolkenhimmel. Etwas nach Süden zu fand er es, stieg bis zu 6500 Metern und schwebte nun über den Wolken, die nicht über 5000 hoch waren. Nur die höchsten Gipfel ragten aus ihnen hervor und Guillaumet nahm Kurs auf Argentinien.

Fallwinde bereiten dem Flieger oft höchst unbehagliche Augenblicke. Der Motor läuft volle Drehzahl, aber das Flugzeug sinkt. Der Führer nimmt die Spitze hoch, um zu steigen. Dadurch verliert das Flugzeug an Geschwindigkeit und Lenkbarkeit. Zu allem Überfluss sinkt es trotzdem weiter. Da legt er die Maschine wieder waagerecht, denn er muss fürchten, schon zu steil in der Luft zu hängen. Er weicht rechts oder links vom Kurse ab und sucht sich im Aufwind einer Felswand emportragen zu lassen, die wie ein Sprungbrett die Winde abfängt. Aber er sinkt immer noch. Das ganze Luftmeer scheint in rasender Bewegung nach unten, der Flieger wird in einer Art Weltuntergang mitgerissen. Es gibt keinen Ausweg. Vergeblich versucht er zu wenden, um weiter hinten die Gegenden wieder zu erreichen, wo ihn die Luft noch trug, fest und sicher wie eine Säule. Aber die Säule steht nicht mehr. Alles löst sich auf, und in diesem allgemeinen Zusammenbruch sinkt er auf die Wolke zu, die weich und träge ansteigt, ihn erreicht, ihn verschlingt. „Ein paarmal hatte es mich schon früher beinahe erwischt“, erzählte Guillaumet, „aber ich war noch nicht klug geworden. Über den Wolken trifft man nämlich auf Fallwinde, die stetig scheinen, bloß weil sie sich in gleicher Höhe ständig neu bilden. Oh, im Hochgebirge ist alles verrückt!“

Ja, und die Wolken!

„Wie ich erst drinnen war, ließ ich das Steuer los und hielt mich krampfhaft am Sitz fest. Sonst wäre ich herausgeflogen. Die Stöße waren so hart, dass mir die Schultergurte ins Fleisch schnitten. Hätte ich mich nicht festgehalten, sie wären gerissen. Alle Scheiben waren sofort beschlagen, ich konnte nicht einmal die Geräte ablesen. Wie ein Hut wurde ich von 6000 auf 3500 gerollt.

Bei dreieinhalb sah ich eine schwarze Masse und konnte das Flugzeug abfangen, weil sie waagerecht war. Es war ein See und ich erkannte ihn: der Diamantsee, der in einem Felskessel liegt, dessen eine Wand, der Vulkan Maipu, bis 68oo Meter aufsteigt. Nun war ich ja die Wolke los, aber sehen konnte ich doch nichts vor dickem Schneetreiben.

Den See konnte ich nicht verlassen, ohne an einer der Wände des Kessels zu zerschellen. So flog ich über dem Teich meine Kreise in 30 Meter Höhe, bis mir der Treibstoff ausging. Nach zwei Stunden Zirkus landete ich und machte Bruch. Als ich ausstieg, warf mich der Sturm einfach um. Ich stand wieder auf. Er schmiss mich wieder um. Da blieb mir nichts übrig, als mich unter dem Rumpf zu bergen und mir einen Unterstand im Schnee zu bauen. Ich wickelte mich in Postsäcke ein und wartete zwei Tage.

Dann legte sich der Sturm, und ich zog los. Ich bin fünf Tage und vier Nächte gegangen.“

Ja, was war dabei von unserem Guillaumet übriggeblieben? Wir hatten ihn wieder, aber er sah aus wie seine eigene Mumie, geschrumpelt wie ein altes Weib. Am gleichen Tag noch flog ich ihn nach Mendoza, wo er in ein weiches Bett gesteckt wurde. Aber es konnte ihm nicht gleich helfen. Zu stark rebellierte der zerschlagene Körper. Guillaumet wälzte sich unruhig hin und her und fand weder die rechte Lage, noch den Schlaf. Der Körper konnte die Felsen und den Schnee nicht vergessen; er war gezeichnet. Ich schaute in das schwarze, zerbeulte Gesicht, das einer überreifen, angefaulten Birne ähnlich sah. Er schien sehr hässlich und sehr, sehr elend. Die schönen Werkzeuge der Arbeit konnte er nicht gebrauchen:, seine Hände waren steif, und wenn er sich auf den Rand seines Bettes setzte, um einmal frei atmen zu können, hingen seine erfrorenen Füße wie tot herunter.

Seine Wanderung war aber noch nicht zu Ende. Noch keuchte er weiter, und kaum hatte er den Kopf in die Kissen vergraben, um Frieden zu finden, da begann in seinem Geiste der Zug von Bildern. Sie waren nicht abzuschütteln, sie warteten ungeduldig darauf, ihre Walpurgisnacht zu beginnen. Zwanzigmal musste er den Kampf gegen die Feinde neu aufnehmen, die aus der Asche auferstanden. Ich flößte ihm Mengen Tee ein: „Trink, Alter!“ „Und weißt du … das Sonderbarste … war doch …“

So erlebte er sein einzigartiges Abenteuer wieder, aus dem er als Sieger hervorgegangen war, freilich gezeichnet von den schweren Schlägen, die er in diesem Kampf hatte einstecken müssen. Stück für Stück redete er es sich von der Seele, und ich erlebte seinen Marsch noch in der gleichen Nacht mit, so wie er ihn berichtete. Ohne Pickel, ohne Seile, ohne Lebensmittel ging er immer weiter, er erstieg Höhen von 4500 Metern, oder er bahnte sich einen Weg an senkrecht abfallenden Wänden entlang; Blut lief aus Füßen, Knien und Händen bei 40 Grad Kälte. Immer mehr schwanden Blut und Kraft und Denken, aber weiter ging es mit dem besessenen Eigensinn der Ameisen. Er kehrte um, wenn er ein Hindernis umgehen musste, er stand nach jedem Sturz wieder auf, und kletterte die Abhänge wieder hoch, die nur zum Abgrund führten. Er gönnte sich keine Ruhe, denn von dem Schneebett wäre er nie wieder aufgestanden. Tatsächlich, wenn er ausrutschte und hinfiel, musste er sich schnell erheben, um nicht zu Fels zu werden. Die Kälte versteinerte ihn in wenigen Augenblicken. Wenn er sich nach einem Sturz nur eine Minute zu lang der Ruhe hingab, musste er die abgestorbenen Muskeln mühsam in Tätigkeit versetzen, um überhaupt wieder hochzukommen.

Tapfer widerstand er allen Versuchungen. Er erzählte es so: „Im Schnee, weißt du, stirbt der Selbsterhaltungstrieb. Nach zwei, drei, vier Tagen Marsch willst du nur noch schlafen. Aber ich sagte mir: wenn meine Frau glaubt, dass ich lebe, dann glaubt sie, dass ich marschiere. Die Kameraden glauben auch, dass ich marschiere: Alle glauben an mich. Da wäre ich ein Schweinehund, wenn ich nicht marschierte.“ Und er marschierte weiter. Jeden Tag musste er mit dem Taschenmesser den Einschnitt in den Schuhen etwas verlängern, damit die erfrorenen und geschwollenen Füße noch Platz fanden.

Er erzählte überraschende Einzelheiten: „Vom zweiten Tage an war meine schwerste Arbeit, mich selbst am Denken zu hindern. Ich litt zu sehr, und meine Lage war hoffnungslos. Wenn ich da den Mut zum Weitergehen behalten wollte, durfte ich nicht nachdenken. Aber leider konnte ich mein Gehirn nur schlecht drosseln. Es arbeitete wie eine Turbine. Aber wenigstens konnte ich ihm vorschreiben, was es sich vorzustellen hatte. Ich brachte es auf einen Film oder auf ein Buch. Dann aber lief der Film oder das Buch mit großer Geschwindigkeit in mir ab, und schließlich führte mich alles wieder auf meine Lage zurück. Da half nichts. Dann steuerte ich das Denken von neuem auf andere Erinnerungen hin…“

Einmal freilich, als er ein größeres Stück auf dem Bauch durch den Schnee gerutscht war, gab er es auf. Es ging ihm wie dem Boxer, dem ein schwerer Schlag allen Kampfgeist ausgetrieben hat, so dass er die Sekunden eine nach der anderen wie in eine fremde Welt fallen hört bis zur zehnten, letzten, unwiderruflichen.

„Ich habe getan, was ich konnte, und es gibt doch keine Hoffnung mehr – wozu soll ich mich weiter schinden ?“

Es genügt ja, die Augen zufallen zu lassen, um Frieden fürs Leben zu schließen, um die Felsen, das Eis und den Schnee aus der Welt zu schaffen. Kaum waren die wundertätigen Lider geschlossen, und schon gab es keine harten Stöße mehr, keine wilden Stürze, keine zerrissenen Muskeln, keinen brennenden Frost. Da brauchte man das Leben nicht weiter zu schleppen, das einem schwer wie ein Lastwagen anhängt, wenn man stumpfsinnig wie ein Ochse weiterschreitet. Schon fühlte Guillaumet das Gift der Kälte, das wie Morphium ein Gefühl der Beseligung verbreitete. Alles, was ihm an Lebenskraft blieb; sammelte sich am Herzen, etwas sehr Liebes und sehr Kostbares barg sich in der Mitte seines Körpers. Langsam verließ das Bewusstsein die Glieder, und allmählich wurde er aus einem bis an die Grenze des Möglichen leidenden Tiere zum empfindungslosen Stein.

Sogar das Gewissen sprach leiser. Unsere Rufe erreichten ihn nicht mehr; es wurden Traumrufe aus ihnen. Beseligt folgte er ihnen in einem Traummarsch mit langen, leichten Schritten ohne alle Mühe, wie man im Flachland geht. Spielend leicht ging es über die Welt hin, die plötzlich so freundlich für ihn war. Kamerad Guillaumet, da wolltest du uns deine Wiederkehr versagen! Aber aus den Hintergründen des Gewissens kam plötzlich die Reue. Klare Bilder mischten sich in den Traum: „Ich dachte an meine Frau. Die Lebensversicherung schützte sie vor Not. Die Lebensversicherung aber…“

Ein Vermisster wird erst nach vier Jahren für tot erklärt! Dieser Satz verdrängte mit einschneidender Schärfe alle übrigen Bilder. Plötzlich wusste er wieder, dass er flach auf einem steilen Schneehang lag. Seine Leiche würde im Sommer mit dem schmelzenden Schnee in einer der vielen tausend Klüfte der Anden verschwinden. Aber er wusste auch, dass fünfzig Meter von ihm ein Fels aus dem Schnee aufragte.

„Da habe ich gedacht: Wenn ich aufstehe, komme ich vielleicht so weit, und dann hänge ich mich über den Stein, und im Sommer werde ich dann gefunden.“

Nachdem er aufgestanden war, ging er noch zwei Tage und drei Nächte.

Freilich glaubte er nicht weit zu kommen. „Mancherlei ließ mich das Ende ahnen. Ein Zeichen war, dass ich etwa alle zwei Stunden haltmachen musste, um meine Schuhe etwas weiter aufzuschlitzen und meine anschwellenden Füße mit Schnee zu reiben, oder auch einfach um das Herz auszuruhen. Die letzten Tage verlor ich das Gedächtnis. Ich war jedes Mal schon weit gegangen, ehe ich merkte, dass ich beim letzten Halt etwas hatte liegen gelassen. Das erste Mal war es ein Handschuh, und das war bei der Kälte schlimm! Ich hatte ihn vor mich hingelegt und war weitergegangen, ohne ihn aufzuheben. Dann war es die Uhr. Dann das Messer. Dann der Kompass. Nach jeder Rast war ich ärmer. Nur eins rettet: ein Schritt – und noch ein Schritt. Immer wieder tut man denselben Schritt.“
„Ich kann dir sagen: was ich getan habe, kein Tier hätte es fertiggebracht.“ An diesen Ausspruch musste ich denken. Konnte man es großartiger ausdrücken? In diesem Satz war der Mensch in seine königliche Stellung gesetzt; die wahre Rangordnung der Natur war wiederhergestellt.

Endlich schlief Guillaumet ein und das Bewusstsein rastete. Aber in diesem abgewrackten, zerknitterten und zerdörrten Körper wurde es gleich beim Erwachen wieder lebendig und mächtig. Da ist der Körper wirklich nur ein gutes Werkzeug, nur ein Diener. Den Stolz, ein solches Werkzeug zu sein, auch den konnte Guillaumet so schön aussprechen: „Wo ich nichts zu essen hatte, kannst du dir denken, dass mein Herz am dritten Marschtag nicht mehr sehr gut ging. Hänge ich da einmal über dem Nichts; denn es ging gerade an einem Steilabfall entlang, wo ich mir Löcher machen musste, um mich mit den Händen daran zu klammern. Da hat das Herz auf einmal Panne. Es setzt aus, dann springt es wieder an, es klopft verkehrt. Ich spüre: wenn es nur eine Sekunde zu lang aussetzt, dann lasse ich los. Ich halte ganz still und lausche in mich hinein. Niemals, hörst du, niemals solange ich fliege, habe ich mich so an meinen Motor gehalten wie in den paar Minuten damals an mein Herz. Ich sagte ihm: Feste! Nochmal ! Lass nicht nach! Schlag zu! – Aber es war ein Herz erster Wahl, es setzte wohl aus, aber es ging immer wieder an. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie stolz ich auf mein Herz war.“

Endlich war Guillaumet in dem Zimmer zu Mendoza, wo ich bei ihm wachte, in den Schlaf der Erschöpfung gefallen. Ich dachte: Wenn man von seinem Mut reden wollte, er würde nur mit den Achseln zucken. Man würde ihm aber auch nicht gerecht, wenn man seine Bescheidenheit hervorheben wollte. Er ist über diese mittelmäßige Eigenschaft hoch erhaben. Nur aus Klugheit gibt er das nicht zu, weil er weiß, dass die Menschen sich überhaupt nicht mehr fürchten, wenn sie erst in den Ereignissen drinstehen. Nur das Unbekannte ängstigt die Menschen. Sobald man ihm die Stirn bietet, ist es schon kein Unbekanntes mehr, besonders wenn man es mit hellsichtigem Ernst beobachtet. Guillaumets Mut besteht vor allem in seinem geraden und offenen Blick.

Aber das ist gar nicht seine besondere Größe; die fließt aus seinem Verantwortungsgefühl. Er fühlt sich verantwortlich für sich selbst, seine Post und die Kameraden, die auf ihn warten. An seiner Entscheidung liegt es, ob sie sich freuen dürfen oder sich sorgen müssen. Er trägt Mitverantwortung für alles, was lebt und was wird und woran er mitbauen soll, also im Rahmen seiner Arbeit für das Schicksal der Menschheit.

Er gehört zu den Wesen, die sich nicht scheuen, ihre Wurzeln und Zweige weit auszubreiten. Mensch sein, heißt Verantwortung fühlen: sich schämen beim Anblick einer Not, auch wenn man offenbar keine Mitschuld an ihr hat; stolz sein über den Erfolg der Kameraden; seinen Stein beitragen im Bewusstsein, mitzuwirken am Bau der Welt.

Und solche Menschen will man mit Stierkämpfern und Spielern in eine Reihe bringen? Man preist ihre Todesverachtung. Ich pfeife auf Todesverachtung. Sie ist nur ein Zeichen geistiger Armut oder jugendlicher Unreife, wenn sie nicht in einer übernommenen Verantwortung wurzelt.

Ich habe einen Fall von Selbstmord erlebt. Irgendein Liebeskummer trieb den jungen Menschen dazu, sich mit größter Genauigkeit die Kugel mitten ins Herz zu jagen. Dazu hatte er, Gott weiß von welchem literarischen Vorbild verführt, weiße Handschuhe angezogen. Ich musste daran denken, wie sehr ich diese traurige Schaustellung nicht als vornehm, sondern als erbärmlich empfand. Nichts, gar nichts hatte also hinter dieser Menschenstirn über dem freundlichen Gesicht gesteckt, nichts als das Bild eines albernen kleinen Mädchens, das nicht anders war als tausend andere auch.

Gegenüber diesem kläglichen Schicksal erinnere ich mich eines wirklichen Männertodes, des Sterbens eines Gärtners, der mir sagte: „Wissen Sie, manchmal habe ich beim Graben tüchtig geschwitzt und das Reißen im Bein war kaum auszuhalten, und ich habe über die Knechtschaft geflucht. Und heute, da möchte ich graben, das Land umgraben; nichts kommt mir schöner vor als Graben. Dabei ist man doch frei. Und wer wird nun meine Bäume verschneiden?“ Er ließ urbares Land zurück, eine urbare Welt. Denn allem Fruchtland und allen Fruchtbäumen der ganzen Welt war er in Liebe verbunden. Er war der Freigebige, er war der Verschwender, der große Herr. Er war – wie Guillaumet der tapfere Ritter, als er im Namen seiner Schöpfung mit dem Tode rang.

***
Aus: „Wind, Sand und Sterne“ von Antoine de Saint-Exupéry, Kapitel „Die Kameraden II“, Karl Rauch Verlag, Düsseldorf, 1953

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Über Felicitas Foster

Independent Scientologist - Cosmopolitan, Blog: Der Treffpunkt
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2 Antworten zu Die Kameraden

  1. Rita Wagner schreibt:

    Ein frohes neues Jahr – Euch allen!!! Diesen Artikel fand ich gerade, leider auf englisch, doch der Name Debbie Cook sagt sicherlich vielen etwas. Der ehemalige CO von FLAG hat angeblich an 12.000 ihrer „in-good-standing“-Freunden diese mail geschickt:
    http://aidathomas.wordpress.com/2012/01/01/a-message-from-debbie-cook-the-captain-flag-service-org/#comment-770
    Ich finde es passt zu „Kameraden“.

  2. Rita Wagner schreibt:

    Debbie hat auf facebook bestätigt, dass es Ihre Nachricht ist!!! Hier der Original-Wortlaut:
    Debbie Jean Cook
    Dear Friends, Yes, the email was written by me. No I am not connected to anyone not in good standing. I did it because of my love and respect for LRH and the desire to see us correct situations that need correcting within our group.
    Teilen · vor 55 Minuten ·

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